Die Oste, der stille Fluß

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12.03.2014

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Rainer Brandt - Ein bekennender Bremervörder

"In seinem Büro im modernen Rathaus hängt ein Bild des letzten Welfenkönigs Georg V. neben alten Stadtansichten von Bremervörde, Rainer Brandt, erster Stadtrat des Ostestädtchens und dessen Chronist, bekannt als Traditionalist. "Aber nur, solange das die Zukunft nicht blockiert."

Im Herzen Hannoveraner, im Kopf Preuße. Für den Mann mit dem silbergrauen Haar und der starken Brille bedeutet das vor allem die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.... Binnen 36 Jahren arbeitete Brandt, der sich auch zwischen Aktenbergen eine bildhafte Sprache bewahrte, ganz nach oben. In den vergangenen vier Jahren liefen bei ihm, der zudem zahlreiche Ehrenämter sammelte, alle Fäden zusammen...

Nun freut sich der zweifache Vater, der seit 31 Jahren mit Ehefrau Margret in einem Reihenhaus lebt, darauf, seinen "25 Büchern in 25 Jahren" weitere hinzuzufügen. Wie eng die Geschichte seiner Stadt mit der eigenen verbunden ist, hat er in seiner Autobiographie über die 50er Jahre beschrieben. Weitere Bände sind geplant."

Nicht schlecht beschrieben, die kurze Vitae im "Hamburger Abendblatt" vom 3. August 1998. Aber es hat sich viel getan seitdem; drei Enkel sind hinzugekommen und eine stattliche Anzahl von Veröffentlichungen. Erst recht nach der Pensionierung im Jahre 2002 in einen "wuseligen" Unruhestand. Bei den Büchern über Stadt- und Regionalgeschichte, Zeitungsaufsätzen und Fernsehbeiträgen (auch über die Oste) hat dieser faszinierende Fluss und der Bremervörder Hafen stets eine große Rolle gespielt.

Wie für viele Menschen ist auch für Rainer Brandt die Oste, der stille Fluss, auch der unterschätzte Fluss. Denn erst langsam beginnt sich so etwas wie Marketing für die Oste zu regen, um unserer Lebensader den verdienten Bekanntheitsgrad und Stellenwert zu geben. Und dabei will der Bremervörder Rainer Brandt gerne ein wenig mitwirken.

Einige Publikationen:

"Alt-Bremervörde", 1978
"Zwischen Oste und Mehe", 1980
"Bremervörde-Bilder aus der Geschichte einer Stadt",
  1987 (Dr. E. Bachmann u. R. Brandt)
"Ecke Brackmannstraße", 1992
"Geliebtes, altes Bremervörde", 2002
"Das Glück dieser Erde", 2005

Bei den Hobbies bleibt ihm noch Zeit für drei Enkel. Hier 2005 mit Fabian bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg.

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Eine ganze Anzahl von relativ "kleinen Geschichten" kam außerdem im Laufe von Jahrzehnten in verschiedenen regionalgeschichtlichen Bereichen aus seiner Feder hinzu, die auch in unterschiedlichen Medien wiedergegeben wurden. Und manche dieser Abhandlungen handeln - fast natürlich - von der Oste, dem Bremervörder Hafen und dem Umfeld. Die Geschichten haben den Verfasser natürlich auch unterschiedlich berührt, weil einige Quellen eben in Akten steckten und andere ihren Anfang in menschlichen Kontakten mit  Erinnerungen und Erzählungen hatten. Nicht selten wurde aus diesem Kontakt der Beginn einer langen Freundschaft; getragen von der gemeinsamen Verbindung zum Bewahrenswerten mit seinen sozialen und soziologischen Besonderheiten.
Eine dieser schönen Kontakte entstand in der Zeit vor 1979 mit dem Bremervörder Kapitän Diedrich Schnackenberg, dem Eigner und Schiffsführer der MS " Friedrich ". Daher immer " Diedrich und sein Friedrich " genannt und heraus kam der Transfer vieler Geschichten aus der Familie, Erinnerungen und manche bemerkenswerte Weisheit über ein ausgefülltes Leben in einer Symbiose mit dem Schiff und der Oste. Ein Extrakt war der Aufsatz " Ein halbes Jahrhundert als Schiffer - Diedrich Schnackenberg (Bremervörde) erzählt - aufgeschrieben und ergänzt von Rainer Brandt " in der " Heimatbeilage der Bremervörder Zeitung " (2. Jahrgang, Nummer 7, 14. Juli 1979), der hier in seinen wesentlichen Teilen mit einigen geringfügigen Veränderungen wiedergeben werden soll.

Diese einmalige
Fotografie zeigt den
Bremervörder Hafen
um 1890 zur Blütezeit
der Torfschiffahrt.
In zwei Reihen liegen
die Besan-Ewer am
Hafen und warten
auf ihre Beladung.

Ein halbes Jahrhundert als Schiffer
von Rainer Brandt

Ein Küstenmotorschiff, die M.S."Friedrich" war die Oste heraufgekommen und hatte in Bremervörde am Gnattenberg festgemacht. Als ich dort ankam, saß der Schiffseigner und Kapitän Diedrich Schnackenberg gemütlich an Deck. Er genoß offensichtlich das Rauchen seiner Tabakspfeife und erneuerte dabei mit einer herrlichen Ruhe den Farbabstrich einiger Decksaufbauten. Man merkte schon die fühlbare Einheit, die Schiff und Kapitän miteinander bildeten, ohne das ein Wort darüber ausgesprochen werden musste. Man sollte meinen, ein alltägliches Bild.
Wir unterhielten uns dann ein wenig und ich stellte sehr bald fest, dass dieser Eindruck erheblich täuschte. Hier lag vor mir einer der wenigen noch vorhandenen Ewer und der wahrscheinlich einzige Kümo, der noch den Bremervörder Hafen anläuft. Und dieses unausweichlich auch in diesem Jahr zum letzten Male. Also doch ein fast historischer Moment, denn damit geht eine lange Epoche Oste- und Küstenschifffahrt zu Ende, in deren Verlauf mancher Einwohner in Bremervörde und den benachbarten Dörfern an der Unteroste durch diese Schifffahrt sein Brot verdiente. Und dann ist da ja noch " Käpt´n " Diedrich Schnackenberg, der bald 66 Jahre alt wird. Ein Mann, wie sich die Menschen im Binnenland einen Schiffer vorstellen, voller Erzählungen, voller Wissen um die Traditionen seiner Zunft und immer mit einem feinen und tiefsinnigen Humor erzählend. Ich habe mich dann mit ihm zusammengesetzt und wir haben uns hochinteressant über vergangene Zeiten unterhalten. Die folgenden Zeilen sind zum größten Teil im Laufe dieses Gespräches festgehalten worden.

Eine sichtbare Einheit;
der Kapitän Diedrich Schnackenberg
und sein Schiff "Friedrich" im Jahre 1979
kurz vor dem Bremervörder Hafen.

Die lange Schifffahrtstradition der Familie Schnackenberg spiegelt sich in folgender
Geschichte wieder, die in der Familie bis
heutigen Tages überliefert wurde.

" Während des Dreißigjährigen Krieges, um das Jahr 1640, segelten drei Brüder namens Schnackenberg mit ihrem Frachtsegler " Drei Gebrüder " vor der holsteinischen Nordseeküste. Sie gerieten dabei in einen sehr schweren Sturm, die Segel wurden stark beschädigt und das Schiff lief aus dem Ruder. Das Schiff mit den drei Brüdern Schnackenberg strandete letztlich an der Küste vor Büsum. Während der Bergungs- und Reparaturarbeiten lernte der Eine der jungen Männer ein einheimisches Mädchen kennen, heiratete es und blieb bei ihr in Büsum. So fuhren die beiden Brüder allein zurück in ihre Heimat nach der " hohen Geest " (wahrscheinlich Gräpel) und ihr Schiff führte von nun an den Namen " Zwei Gebrüder".

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Hiernach blieben lange Schiffergenerationen ohne Nachricht für die Nachwelt und erst vom Ur-Ur-Ur-großvater unseres Erzählers, der Theis Schnackenberg hieß, kann wieder verlässlich berichtet werden.
Theis Schnackenberg war am 2.12.1759 in Minstedt an der Oberoste geboren und zog nach seiner Heirat mit Anna Maria Bredehöft aus Ostendorf in das Heimatdorf seiner Frau um als sogenannter Neubauer die schwiegerelterliche Anbaustelle zu übernehmen. Ostendorf war im 19. Jahrhundert - zusammen mit Gräpel - der Mittelpunkt der Schifffahrt auf der Oste. So waren in Ostendorf im Jahre 1874 immerhin 17 Schiffseigner ansässig. Es gab in Ostendorf jedoch nur eine begrenzte Anzahl von bebaubaren Grundstücken, da das Dorf im Moor angelegt worden ist. So musste das Haus für den Osteschiffer und seine Familie auf einem Grundstück neben dem Bauernhaus des Mooranbauern errichtet werden. Ein derartiges Schifferhaus errichtete auch der Urgroßvater Peter Schnackenberg um 1850 nach seiner Heirat mit Catharina Margaretha Kück und ging von Ostendorf aus seinem Beruf als Torfschiffer nach. Nach alten Versicherungsunterlagen besaß er einen hölzernen Besan-Ewer mit Namen " Gloria Deo " (Baujahr 1859, 17,97 Tonnen) mit dem der Torf aus dem Osten-Moor (der sogenannte "Sanddammer Brune") zu den Hamburger Großbäckereien gebracht wurde.
Der Besanewer war der weitaus häufigste Schiffstyp auf der Oste, was sicherlich in erster Linie an den extrem hohen Schiffsmasten lag, die bei den sehr hohen Ostedeichen zum Segeln von großem Vorteil waren. Peter Schnackenberg starb um 1875 in Ostendorf und sein Urenkel Diedrich kann über ihn noch eine Geschichte erzählen, die ihm sein Großvater Claus überliefert hat.

Die "Friedrich" (im Bildvordergrund)
mit Stackbusch beladen
im Bremervörder Hafen.

"Wie bereits ausgeführt, brachte der Torfschiffer seinen Torf nach Hamburg zu den dortigen Bäckereien. Nun war es in jenen Jahren üblich, dass die Torflieferungen nicht sofort bezahlt wurden, sondern es wurde im folgenden Winter für ein Jahr abgerechnet. So fuhr Peter Schnackenberg wieder einmal im Winter mit der Eisenbahn nach Hamburg, um das Geld zu kassieren. Das viele Geld in den Taschen, stieg er auf dem Rückweg in Himmelpforten aus dem Zug und ging zu Fuß in Richtung Brobergen. Es war mittlerweile schon dunkel geworden, als er hinter sich Schritte hörte. Obwohl beileibe kein ängstlicher Mann, beschleunigte er jetzt seine Schritte. Er fing schließlich an zu laufen, da er die Schritte immer weiter hinter sich hörte. So gelangte er schließlich völlig durchgeschwitzt und erschöpft nach Hause. Bei dem kalten Winterwetter hatte er sich hierdurch jedoch gesundheitliche Schäden zugezogen. Er kränkelte sehr stark und verstarb nach einem Jahr, ohne sich wieder erholt zu haben. Kurioserweise stammten, wie sich später herausstellte, die Schritte hinter Peter Schnackenberg von einem anderen Schiffer aus Ostendorf, der denselben Heimweg hatte."

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Jetzt übernahm sein Sohn Claus (1853-1935) den Ewer "Gesine" (gebaut 1866, ca. 40 Tonnen) und setzte die Torfschifffahrt fort. Die Schnackenbergs haben diese Torfschifffahrt stets auf eigenes wirtschaftliches Risiko betrieben. Das heißt, sie kamen mit dem leeren Schiff in Bremervörde an. Dort wurde der Torf von den Moorbauern aus den umliegenden Dörfern des Osten-Moores oder des Gnarrenburger Moores aufgekauft und direkt vom Wagen des Bauern in den Ewer des Schiffers geladen. Der Mooranbauer musste dabei den Torf in Körbe packen und der Schifferknecht trug die Körbe dann an Bord. Das Verstauen des Torfes an Bord geschah sorgfältig Soden für Soden, da die Ladung ab jetzt dem Schiffer gehörte, der sie möglichst unbeschädigt in Hamburg abliefern wollte. Wenn der Laderaum des Ewers gefüllt war, so wurde auch an Deck zwischen den Masten der Torf etwa 1,50 m hoch gestapelt (Bube, S. 56 ff.).
Der Bremervörder Hafen war zusammen mit den Schiffsstellen des Ostenmoores der Mittelpunkt der Torfschifffahrt und im Jahre 1874 verließen 591 Schiffe mit 310.529 Zentner Torf Bremervörde.
Auch Diedrich Schnackenberg weiß noch zu berichten, dass früher die Ewer in mehreren Reihen nebeneinander im Hafen und am Ufer der Oste bis hin zur Bremervörder Werft festmachten. Und auf der Oste war ein derartig starker Schiffsverkehr, dass sich sehr häufig zwei Schiffe auf dem Fluß begegneten. Und in diesen Tagen wurden jetzt zum letzten Male im Bremervörder Hafen die Leinen losgemacht. Schade, dass uns wieder ein Stück Idylle verloren geht.
Der Großvater unseres Erzählers ließ 1904 oder 1905 auf der Bremervörder Werft von Claudius Dose einen hölzernen Ewer bauen. Hiermit hatte der Schiffer, der in der Zwischenzeit von Ostendorf nach Nieder Ochtenhausen gezogen war, jedoch wenig Glück, da das Schiff aus schlechtem Holz gebaut worden war. Da diese Schäden im Salzwasser nicht auftraten, wurde das Schiff ohne größere Verluste an die Nordsee verkauft und dann auf der Stader Werft ein Neubau bestellt. Dieser neue Besan-Ewer, der später auf den Namen " Meta " getauft wurde, war unter den Torfschiffern an der Oste geradezu eine Sensation. Es war nämlich der erste Oste-Ewer mit einem eisernen Rumpf und die " Experten " am Ufer waren sich einig in der Prognose:" de löppt ja doch nich."

Mit der "Meta", die mit 42,5 BRT vermessen wurde und immerhin die stolze Bausumme von 12.000 Reichsmark verschlang, betrieben Großvater Claus und Vater Cord Schnackenberg zunächst weiter die Torfschifffahrt. Deren Bedeutung wurde jedoch immer geringer, denn der Siegeszug der Steinkohle verdrängte unaufhaltsam den Torf. Cord Schnackenberg besaß zeitweilig einen eigenen Besan-Ewer, den er von seinem Onkel Cord Hoops aus Bremervörde geerbt hatte. Dieses Schiff hatte den herrlichen Namen " Ernte von Bremervörde ". Als er jedoch während des ersten Weltkrieges als Soldat eingezogen wurde, war das Schiff schutzlos und ohne Pflege dem Wasser preisgegeben. Als er dann 1918 aus dem Kriege zurückkehrte, war das schöne Schiff irreparabel zerstört und er musste erneut als Schifferknecht auf dem Ewer seines Vaters fahren.

So gingen die Jahre dahin und unserer Erzähler Diedrich Schnackenberg (geboren am 7. November 1913) wuchs in Bremervörde auf und nahm schon regen Anteil, als der Großvater im Jahre 1927 die " Meta " auf den Vater übertrug.

Ein Jahr später, also 1928, war es für den jungen Diedrich Schnackenberg dann soweit. Der Vater ging mit ihm zu Schuster Bardenhagen in der Kirchenstraße und kaufte ihm ein Paar richtige lederne Schifferstiefel und er zog den blauen Schifferkittel mit den schmalen weißen Streifen über. Denn er musste jetzt beim Vater in die Schifferlehre und erlernte nun das Schifferhandwerk " von der Pike " an. Sämtliche Handgriffe und Kommandos mussten erlernt und genau beherrscht werden. Noch heute spricht er von den schweren Jahren, denn der junge Mann musste oftmals bei ungünstigen Gezeiten und bei Gegenwind das Schiff " in den Leinen " die Oste hinauf ziehen. Er weiß von so manchem gefährlichen Ereignis zu berichten, wenn er daran denkt, wie er mit seinem Vater nachts bei Überschwemmungen und Deichbrüchen mit dem schweren Schiff im Schlepp durch reißende Strömungen gehen musste. Und wir glauben es scher diesem erfahrenen Schiffer und Kapitän, wenn er berichtet, dass er tausend Ängste ausgestanden hat, wenn er manchmal nicht wusste, wann er wieder festen Boden unter den Füße haben würde oder ob die reißende Strömung im Deichbruch ihn vielleicht mitreißen würde.

Claus und Cord Schnackenberg in den zwanziger Jahren
an Bord der "Metz" im Bremervörder Hafen.

Aber es gab damals auch schöne Momente für Diedrich Schnackenberg. So, wenn er abends im Dunkeln an Deck stand und nur das Knattern des Windes im Segel zu hören war. Dann war die Positionslampe das einzige Licht weit und breit, denn Brobergen, Gräpel, Ostendorf , Ottendorf und Nieder Ochtenhausen lagen völlig im Dunkel der Nacht.

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Und er erzählt heute schmunzelnd, dass er oftmals in den einsamen Nächten auf dem Ostedeich oder dem Deich des Hadeler Kanals mit dem Schiff " in den Leinen " ging. Wenn es dann aber ganz plötzlich im dunklen Busch raschelte, dachte er schon so manches Mal, es wäre der Klabautermann. " Meistens", so sagt Diedrich Schnackenberg heute," wör dat man blos een Swienegel!"
Ganz selten wurden jetzt die Fahrten mit dem Torf zu den Großbäckereien nach Hamburg, wo man früher mit dem Torfewer auf den Fleeten direkt bis an die Torfluken der Bäckereien heranfuhr. Jetzt wurden hauptsächlich Steine und Zement für die Bremervörder Mühlenwerke gefahren. Die Steine wurden von den Ziegeleien in Kehdingen und in Holstein geholt, während das Getreide von Fehmarn per Rechnung der Bremervörder Mühlenwerke eingekauft wurde. Heute schier unvorstellbar ist die Anzahl von rund 300 Ewern, die vor fünfzig Jahren noch die Oste befuhren und in Bremervörde, Gräpel, Ostendorf, Ottendorf, Mehedorf und Iselersheim beheimatet waren. Hatten die Schiffer ihr Tagewerk vollbracht, so wurde dann gegen Abend an der nächsten Schiffsstelle festgemacht. Bei jeder Schiffsstelle an der Oste gab es mindestens einen Ausschank und dort saßen die Schiffer beim gemütlichen Licht der Petroleumlampe zusammen und erzählten aus vergangenen Tagen. So war man mit seinem Schiff das ganze Jahr unterwegs und nur an den Festtagen versuchte man, den Heimathafen zu erreichen, um einige Tage mit der Familie verbringen zu können.
So auch zu Weihnachten des Jahres 1928. Diedrich Schnackenberg und sein Vater Cord waren mit der " Meta " die Oste hochgekommen und mussten wegen der schlechten Witterung am Heiligabend vor Ostendorf festmachen. Als beide am anderen Morgen aufwachten, bekamen sie zunächst die Kajütentür nicht geöffnet, denn über Nacht war über einen Meter Schnee gefallen. Aber man wollte nach Hause und so zogen sie bei Schneetreiben und Eisgang das Schiff in 5 Stunden mühseliger Arbeit die vier Kilometer bis zur Sanddammer Schiffsstelle. Und dann in der folgenden Nacht wieder 3 km in vier Stunden bis nach Nieder Ochtenhausen. Selbst wir können uns heute die Erleichterung vorstellen, als sie dort ein Motorschiff antrafen, das sie am 2. Weihnachtstage nach Bremervörde schleppte.
Noch in den dreißiger Jahren segelten Schnackenbergs mit der " Meta " in Konkurrenz zu den schnelleren Motorschiffen, deren Anzahl von Jahr zu Jahr größer wurde. Die herrlichen Besan-Ewer mit ihren 18 Meter hohen Masten mussten langsam weichen, zumal immer größere Investitionen erforderlich waren. So mussten nach dem Bau der Eisenbahnbrücke in Hechthausen die Ewer mit abklappbaren Masten versehen werden. Die Osteschiffer hatten sich jahrelang gegen den Bau dieser Brücke gewehrt, dennoch wurde der Bau schließlich durchgeführt. Den Osteschiffern wurde eine Umbauentschädigung zwischen 800 und 1.500 Mark angeboten. Auch die betroffenen Geschäftsleute sowie die Werft in Bremervörde sollten entschädigt werden, da die größeren Schiffe nicht mehr bis Bremervörde fahren konnten. Die Bremervörder Werft von Willem Steffens hat deshalb wahrscheinlich auch im Jahre 1935 schließen müssen.
Schließlich verkaufte auch Cord Schnackenberg im Jahre 1936 die " Meta " in die Ostsee nach Heiligenhafen. Das Schiff wurde dort in " Hanna-Helene " umgetauft und leistete bis 1974 noch treue Dienste als Steinfischer und Taucherfahrzeug.
Diedrich Schnackenberg fuhr in den folgenden Jahren bei verschiedenen Kapitänen als Matrose, u.a. auch auf der " Friedrich ", einem Schwesterschiff der " Meta ", das Kapitän Saul aus Hechthausen gehörte. Dann kam jedoch der 2.Weltkrieg und er fuhr ab 1942 als Kapitän auf einem Versorgungsschiff im Schwarzen Meer und in der Ägäis. An diese abenteuerliche Episode seines Lebens erinnert ihn noch die Malaria, die sich über viele Jahre bemerkbar machte. Nach den Kriege, im Jahre 1947, wurde ihm die bereits erwähnte " Friedrich " zum Kauf auf Leibrente angeboten und er zögerte nicht lange, dieses Angebot anzunehmen. So hatte ihn die Schifffahrt der Oste und der Unterelbe wieder und gemeinsam mit seiner Ehefrau fuhr er zunächst hauptsächlich Kohlen aus Hamburg nach Hemmoor und Zement auf dem Rückweg. Auch wurde oftmals Abbruchmaterial von den Aufräumungsarbeiten in Hamburg gefahren und auf den Bauernhöfen in Geest und Marsch gegen die damals beste Währung, Butter und fetten Speck, eingetauscht.

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Nach der Währungsreform 1948 fing man an, Futtermittel vom Hamburger Überseehafen zu den großen Genossenschaftssilos in Uetersen und Elmshorn zu fahren. Und dazwischen immer wieder Stackbusch vom Bremervörder Hafen nach Cuxhaven, wo dieser zum Bau des Leitdammes bei der Kugelbake benötigt wurde. Weitere Zielorte für die Stackbuschschiffe waren Glückstadt und das Osteriff. In dieser Zeit, um 1962, verlängerte Diedrich Schnackenberg sein Schiff um 6 Meter, um eine bessere, wirtschaftliche Auslastung zu ermöglichen. Schnell verging die Blütezeit der Stackbuschfahrt wieder und der Kreis der Osteschiffe wurde immer kleiner. Nachdem früher einmal die Hälfte der Einwohner manches Dorfes von der Flußschifffahrt gelebt hatte, haben heute hohe Personalkosten, die Konkurrenz der Landstraße sowie die großen Containerschiffe die Reihen der Küstenschiffer stark gelichtet.

Ein Bild mit etwas Wehmut;
die "Friedrich" machte 1979
zum letzten Mal im Heimathafen Bremervörde fest.

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Und so war es wohl unabänderliches Schicksal, dass jetzt der letzte Schiffer im Bremervörder Hafen festgemacht hatte, um dann den Sportbooten endgültig das Revier zu überlassen. Wir verlieren also wieder ein Stück Romantik, wenn Diedrich Schnackenberg zum letzten Male über die Planken seines Schiffes geht. Mag man es auch bedauern, wenn mit dem letzten Küstenmotorschiff wieder ein Teil lebendiger Geschichte verschwindet. Wenn also wieder ein Stück Menschlichkeit durch Automation ersetzt wird. Wenn unsere Oste hiermit endgültig ihre Bedeutung als Verkehrsader zugunsten der Landstraßen verloren hat. Wenn im Hafen und an den benachbarten Schiffsstellen keine Güter mehr verladen werden.
So wünsche ich doch gerade dem Mann, der für mich ein Zeuge vergangener ruhiger Tage mit der Segelschiffromantik ist, noch viele gesunde Jahre im Hause seiner Kinder in Hesedorf.
" Hol´ die stief, Käpt´n Schnackenberg !" 
Jede Geschichte, die in erster Linie auf Erzählungen beruht, hat natürlich eine Folgegeschichte, denn das Leben nimmt mit dieser Momentaufnahme keine Auszeit. Es ging also nach diesem Bericht in der " Heimatbeilage der Bremervörder Zeitung " vom 14. Juli 1979 selbstverständlich weiter mit Diedrich Schnackenberg in seiner " Friedrich ".

Zunächst einmal mit dunklen Stunden, denn kurze Zeit später erlitt Kapitän Diedrich Schnackenberg am Ruder seines vollbeladenen Schiffes einen Herzinfakt. Volle sechs Stunden musste seine Ehefrau Adele, stets seine treue Begleiterin in vielen Jahrzehnten an Bord in guten und weniger guten Zeiten, die " Friedrich " allein führen, bis sie endlich Ottendorf erreicht hatten und ärztliche Hilfe bereit stand. Aber kaum wieder aus dem Krankenhaus entlassen, ging er zurück an Bord, um das Schiff zum Löschen der Fracht nach Uetersen zu steuern.

Adele und Diedrich Schnackenberg verbrachten
viele Jahrzehnte an Bord ihres Schiffes.

Als er dann fast das 70. Lebensjahr erreicht hatte, gab Diedrich Schnackenberg auf Drängen seiner Familie schweren Herzens seinen Beruf auf. Nachdem im Jahre 1982 die " Friedrich " an das Hamburger Ehepaar Brigitte und Karl-Heinz Bölter verkauft worden war, wurde die " Novatie "erworben und mit dieser kleinen Motorjacht konnte er noch einige Jahre seine Liebe zum Wasser und zur Oste leben. Dann legte er auch dieses Steuerrad am 1. März 1989 aus der Hand des Lebens, wohl wissend dass viele Erinnerungen an ihn und sein Schiff bleiben. Aber nicht nur Erinnerungen, sondern auch die " Friedrich ", denn mit dem Ehepaar Bölter hatte das Schiff wahrhaft würdige Nacheigner gefunden. Sie hatten stets den Ergeiz, den Urzustand des Besan-Ewers aus seinem Baujahr 1910 wieder herzustellen und scheuten bei der Umsetzung dieses Planes " weder Kosten noch Mühen ". Zunächst wurde auf einer Werft das Verlängerungsstück aus dem Jahre 1962 wieder herausgetrennt, um die " Friedrich " wieder auf ihre originale Länge zu verkürzen. Auch die beiden Masten wurden, genau wie alle anderen Holz- und Metallarbeiten, vom Ehepaar Bölter in liebevoller  Eigenarbeit selbst hergestellt und lediglich die Herstellung der 150 Quadratmeter Segel wurde Profis überlassen.

Kapitän Diedrich Schnackenberg
(1913-1989);
ist sein Leben lang mit der
Oste verbunden gewesen.

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Und unter Segeln lief dann im August 1994 die " Friedrich " unter den kundigen Händen von
Brigitte und Karl-Heinz Bölter in den Bremervörder Hafen ein, um Adele Schnackenberg zu ihrem 74. Geburtstag zu überraschen. " Friedrich " zu Besuch im alten Heimathafen ", jubelte die " Bremervörder Zeitung " daraufhin in einem schönen Bericht am 27. August 1994.

Die "Friedrich" im Jahre 1994,
fabelhaft restauriert
unter Segel im Bremervörder Hafen.

Noch lange nicht beendet ist die Reise dieses bemerkenswerten Schiffes, denn im Frühjahr 2003 wurde der Besan-Ewer vom Ehepaar Bölter an die " Schippergilde Friedrich e.V. Leer " verkauft und nach Leer überführt. Dort erfolgte die Modernisierung mit moderner Kommunikationstechnik und im ehemaligen Laderaum entstanden zwei abgetrennte Kajüten und eine geräumige Messe mit insgesamt 12 Schlafplätzen. Denn der gemeinnützige Verein betreibt das Schiff in erster Linie, um jungen Menschen Gemeinschaftsgefühl, Verantwortungsbewusstsein und die Liebe zum Schiffsleben zu vermitteln.

Kindheitserinnerungen an den
Bremervörder Hafen um 1900

Aber auch andere Gruppen können die " Friedrich " für einen Törn anmieten; auch Gruppen aus unsere Oste-Region, wenn sie einmal wieder auf einem Traditionsschiff aus unserer Heimat fahren wollen. Und wenn das Schiff nicht gerade auf Reisen ist, kann man es in der Historischen Altstadt von Leer im Museumshafen besuchen und dort kann der Besucher seinen Gedanken an eine lange Schiffstradition und den damit verbundenen Menschen nachgehen.

Mehr über den Bremervörder Hafen,
seine geschichtliche Entwicklung und Bedeutung
eingebettet in Bremervöder Familiengeschichten
erzählt Rainer Brandt hier

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Bearbeitet und in Szene gesetzt von Hartmut Jungclaus

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